
11. Februar 2025
Verlassen wir uns bereits auf KI?
Der „Beursbengel“ erscheint seit fast neunzig Jahren und bringt jährlich 10 Ausgaben heraus. In Ausgabe 937 erschien die erste Kolumne zum Thema KI, verfasst von unserem Mitbegründer Jack Vos, mit dem Titel „Vertrauen wir bereits auf KI?“
Das ist nicht verwunderlich, denn Vertrauen ist schließlich einer der wichtigsten Grundwerte in der Versicherungsbranche. Die Frage ist nicht, ob wir KI einsetzen sollten, sondern wie wir KI so einsetzen, dass
das Vertrauen verdient. Mehr dazu in diesem Artikel.
Es wird dir nicht entgangen sein, dass KI auch in der Versicherungsbranche stark auf dem Vormarsch ist. Innovative Unternehmen sehen in dieser Technologie den Schlüssel zu effizienterem und intelligenterem Arbeiten und damit zu einem Wettbewerbsvorteil. Dennoch bleibt die Frage: Wie sehen die Kunden diese Entwicklungen? Eine aktuelle Studie der DNB und der AFM zeichnet ein klares, aber beunruhigendes Bild. Nur ein Viertel der Befragten steht dem Einsatz von KI durch Finanzinstitute positiv gegenüber, während 22 Prozent eine negative Meinung dazu haben. Die Mehrheit ist neutral oder hat noch keine Meinung, auch weil nur wenige Menschen wissen, wie ihre Bank, ihr Versicherer oder ihre Pensionskasse KI genau einsetzt.
„Mit Responsible AI können wir mithilfe von KI auf nachhaltige Weise echten Mehrwert schaffen.“
— Jack Vos, Gründer von Onesurance.ai
Diese Zahlen verdeutlichen nicht nur die Kluft zwischen Technologie und Verbraucher, sondern auch die Herausforderung für die Branche. Vertrauen ist das A und O im Versicherungswesen. Kunden müssen sich darauf verlassen können, dass Entscheidungen fair, transparent und nachvollziehbar sind – ganz gleich, ob sie von Menschen oder von Technologie getroffen werden. Dies erfordert eine sorgfältige Auswahl beim Einsatz von KI.
Generative KI (Gen-KI), bekannt durch ChatGPT, steht seit 2022 im Mittelpunkt des Interesses. Die Möglichkeiten scheinen endlos: Texte schreiben, kreative Ergebnisse generieren und vieles mehr. Doch im Versicherungswesen erweist sich Gen-AI oft als ungeeignet. Diese Form der KI ist selbst für Experten eine Black Box, nicht erklärbar und liefert schwankende Ergebnisse, was sie für kritische Prozesse wie die Schadenbearbeitung oder die Risikoprüfung unzuverlässig macht. Zudem birgt die Nutzung der erforderlichen großen Datensätze Datenschutzrisiken, die im Widerspruch zur DSGVO stehen können.
Im Gegensatz dazu bietet Predictive AI eine zuverlässigere Alternative. Diese Technologie ist präzise, konsistent und – was entscheidend ist – wesentlich besser nachvollziehbar. Mithilfe eines Prüfpfads lässt sich nachweisen, welche Faktoren eine Entscheidung beeinflussen. Damit bietet sie sowohl Transparenz als auch Skalierbarkeit. Predictive AI ist keineswegs ein Neuling; die Technologie hat sich im Finanzsektor bereits bewährt.
Dennoch sollten wir Gen AI nicht abschreiben. Es ist bereits jetzt bei unterstützenden Aufgaben, wie zum Beispiel beim Verfassen von Kundenmitteilungen, von großem Nutzen. Für kritische Prozesse bleibt die menschliche Kontrolle unerlässlich. Hier gilt: KI kann einen Vorschlag unterbreiten, aber der Mensch hat das letzte Wort, insbesondere wenn es um die Ablehnung von Anträgen oder Ansprüchen geht. Dieses als „Human-in-the-Loop“ bekannte Verfahren trägt dazu bei, dass ethische Grundsätze wie Fairness und Verantwortung gewahrt bleiben.
Auch die Aufsicht spielt eine entscheidende Rolle. Aus der Untersuchung der DNB geht hervor, dass 62 Prozent der Verbraucher der KI positiver gegenüberstehen, wenn sie streng kontrolliert wird. Die AFM und die DNB arbeiten daher an neuen Methoden zur wirksamen Bewertung der KI. Eines steht fest: Die Technologie muss den ethischen Standards der Branche entsprechen. Dazu müssen geeignete Verfahren mit einer proaktiven Überwachung der Lösung eingerichtet werden.
Die Frage ist also nicht, ob wir KI einsetzen sollten, sondern wie wir KI so einsetzen, dass sie Vertrauen verdient. Mit Responsible AI (RAI) – einer Kombination aus der richtigen Technologie, menschlicher Kontrolle und Ethik – können wir mit KI auf nachhaltige Weise echten Mehrwert schaffen. Wie Warren Buffett einmal sagte: „Es dauert 20 Jahre, einen guten Ruf aufzubauen, und fünf Minuten, ihn zu ruinieren.“ Wie intelligent KI auch immer wird, es liegt an uns, sie sorgfältig und verantwortungsbewusst einzusetzen.
Quelle: AFM
